Acht Jahre lang währten die unterirdischen Ausgrabungen im Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan. Nun haben Israelis und Amerikaner einen alten Pilgerpfad als archäologische Touristenstätte eröffnet, der einst vom Teich Siloah zum jüdischen Tempel führte. Der Botschafter der USA und der Sonderbeauftragte für internationale Verhandlungen durchschlugen bei der Zeremonie am 30. Juni 2019 in der Davidsstadt die letzte Wand mit einem Hammer.

Der frühere Jerusalemer Bürgermeister und jetzige Knesset-Abgeordnete Nir Barkat (Likud) bei seiner Rede zur Eröffnung des alten Pilgerpfades in Ost-Jerusalem am 30. Juni 2019. Foto: Flash90

 

Vor der Eröffnung hatte Botschafter David Friedman auf Twitter geschrieben: „Falls es jemals Zweifel über die Genauigkeit, die Weisheit, die Angemessenheit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch Präsident (Donald) Trump gab, denke ich, dass dies alle Zweifel beruhigt.“

An der Zeremonie nahmen etwa 100 Menschen teil, wie die Onlinezeitung „Times of Israel“ berichtet. Unter ihnen waren die Ehefrau des israelischen Regierungschefs, Sara Netanjahu, Israels Botschafter in Washington Ron Dermer, der ehemalige Jerusalemer Bürgermeister und jetzige Likudabgeordnete Nir Barkat sowie der republikanische Senator Lindsey Graham. Auch die Botschafter der USA in Portugal, Frankreich und Dänemark waren zugegen.

Friedman: Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft kommen aus Jerusalem

Während der Eröffnung des Tunnels sagte Friedman: „Sie bestätigt mit Beweisen, mit Wissenschaft, mit archäologischen Studien das, was viele von uns bereits wussten, zumindest in unserem Herzen: die zentrale Bedeutung Jerusalems für das jüdische Volk.“ Er schlug eine Brücke zwischen Jerusalem und den USA: „Die geistigen Grundlagen unserer Gesellschaft, der Fels unserer Grundsätze, in denen wir die Würde jedes menschlichen Lebens würdigen, kamen aus Jerusalem. Dieser Ort ist genauso ein Erbe der USA wie ein Erbe Israels.“

Der frühere Bürgermeister Barkat äußerte die Hoffnung, die jüngsten archäologischen Funde würden der Welt ermöglichen, „zu begreifen, warum wir niemals die Stadt Jerusalem teilen werden“. Auf Facebook merkte er später an: „Hier befindet sich die Grundlage Jerusalems und der Grund dafür, dass wir nach 3.000 Jahren dorthin zurückgekehrt sind.“

Palästinenser und Jordanier kritisieren Einweihung

Kritik kam aus der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA): Saeb Erekat schrieb auf Twitter, Friedman sei „ein extremistischer israelischer Siedler“. Das PA-Außenministerium verurteilte „imperialistische Judaisierungspläne“. Deren Ziel sei es, den Status quo in der Stadt zu ändern. Die Regierung von US-Präsident Trump unterstütze völlig „das imperialistische Siedlungsunternehmen, das von der extremen Rechten im Besatzungsstaat geführt wird“.

Der amerikanische Sondergesandte Jason Greenblatt bezeichnete die Kritik auf Twitter als „lächerlich“ und ergänzte: „Wir können nicht ‚judaisieren‘, was Geschichte/Archäologie zeigen. Wir können es anerkennen; man kann aufhören, so zu tun, als wäre es nicht wahr! Friede kann nur auf Wahrheit aufgebaut werden.“

Die radikal-islamische Hamas kritisierte Friedman und Greenblatt. Deren Verhalten setze die „aggressive Politik“ der amerikanischen Regierung gegen die Palästinenser und ihre heiligen Stätten fort.

Das jordanische Außenministerium schloss sich der Kritik an. Die offizielle Nachrichtenagentur „Petra“ zitierte den Sprecher Sufian Udah mit den Worten, „illegale und verantwortungslose“ Aktionen erhöhten Spannungen. Dasselbe gelte für „israelische Versuche, die Identität der besetzten Stadt Jerusalem zu verändern, vor allem der Al-Aqsa-Moschee und ihrer Umgebung“. Dies verstoße gegen internationales und Menschenrecht. Er rief die internationale Gemeinschaft auf, derlei Praktiken ein Ende zu setzen. Auch müsse sie betonen, wie wichtig es sei, die Bedeutung des Status von Ostjerusalem als integralem Teil der palästinensischen Gebiete zu respektieren. Ostjerusalem befinde sich seit 1967 unter Besatzung.

Proteste von linksgerichteten Organisationen

Während der Zeremonie protestierten draußen Aktivisten der linksgerichteten israelischen Organisation „Frieden Jetzt“ gegen den „Streittunnel“. Dieser habe „die Evakuierung palästinensischer Häuser in dem Viertel und erhöhte Spannungen zwischen palästinensischen Bewohnern und jüdischen Siedlern verursacht, die in den vergangenen Jahren intensiver denn je darauf hingearbeitet haben, das Viertel zu judaisieren, als Teil einer Bemühung, die Zwei-Staaten-Lösung zu sabotieren“.

Nach Erkenntnissen der zuständigen Archäologen entstand die Pilgerstraße frühestens 30 bis 31 nach Christus, zur Zeit des römischen Landpflegers Pontius Pilatus, der Jesus zum Tode verurteilte. Am Ausgangspunkt, dem Teich Siloah, wusch sich laut neutestamentlicher Überlieferung auf Jesu Geheiß ein Blindgeborener – und wurde sehend (Johannes 9).

Die linksgerichtete Organisation „Emek Schaveh“ indes widerspricht der Darstellung der Altertumsforscher. Sie will nach eigenen Angaben archäologische Stätten als gemeinsames Erbe aller Kulturen und Glaubensrichtungen im Land schützen. Die horizontale Ausgrabungsmethode und die geringe Menge an wissenschaftlichen Publikationen ließen Zweifel an der Deutung aufkommen, warf sie ein. Es sei nicht sicher, wann die Straße gebaut wurde und wie sie in den Jerusalemer Städtebau integriert war.

Als Reaktion schrieb Greenblatt auf Twitter, „Emek Schaveh“ missverstehe offenbar die Bedeutung von „Archäologie“: „Archäologen gestalten nicht eine historische Landschaft. Sie studieren die menschliche Geschichte durch eine Ausgrabung von Stätten und durch eine Analyse von Artefakten/physischen Überresten.“ (Israelnetz)

 

 

 

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