Es ist Ende Juni, 78 Jahre nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in der Ukraine. Eine Gruppe von Österreichern, Deutschen und Holländern von Christen an der Seite Israels steht an der Schlucht von Babi Yar, über die inzwischen ein dichter Wald gewachsen ist. Damals, als hier hinter dem alten jüdischen Friedhof am Stadtrand von Kiew in zwei Tagen 33.771 jüdische Kiewer Bürger von den Einsatzgruppen der SS bestalisch ermordet wurden, war es ein kahler Hang; die Leichen wurden nur notdürftig mit Erde bedeckt. In den 1960er Jahren wurden Teile des Grauens durch einen Erdrutsch wieder offengelegt.

Man hat nie schon alles gehört. Das wird mir neu klar, als uns der Kiewer Rabbiner Jonathan Markowitsch an dieser Stelle von seinem Urgroßvater erzählt, dem Rabbiner von Uschgorod. Wie die ganze Familie seines Großvaters, während dieser bei der Arbeit war, von den Nazis umgebracht wurde. Wie ihm – ganz wie bei Hiob – nach dem Krieg wieder drei Töchter geboren wurden. Wie dann Markovitschs Vater unter großen Opfern und Schikanen in den 1970ern mit dem Sohn nach Israel ging. Wie der Sohn, Jonathan, 12 Jahre bei der israelischen Luftwaffe diente und wie er eines Tages auf einen inneren Impuls hin an den Wirkungsort seines Urgroßvaters fuhr und dort sozusagen seine Lebensberufung empfing. Wie er daraufhin mit der ganzen Familie wieder in die Ukraine ging, um dort seinen sowjetisierten Brüdern zu dienen, sie in eine Beziehung mit dem Gott Israels zu bringen und sie dann nach Israel zu schicken…

Autor: Anemone Rüger