Unsere Hilfe für Holocaustüberlebende trägt wertvolle Früchte. Vergangenen Mai war unsere Mitarbeiterin Anemone Rüger wieder in der Ukraine unterwegs, um den Überlebenden zu begegnen und ihnen Lebensmittel und persönliche Geschenke zu überreichen.

Michail Israilewitsch präsentiert sein Repertoire auf dem Akkordeon.

Ein Geschenk für die erblindete Esther.

Anemone ermutigt die Menschen vor Ort.

29.04.19: Gleich erhebt sich der UIA-Flieger wieder in die Wolken Richtung Kiew! Vor mir liegen drei Wochen in denen ich wieder vielen Holocaustüberlebenden persönlich begegnen darf.

29.04.19: Bin sehr gut in Kiew – Podol, der älteste (und einstmals jüdischste) Stadtteil am Dnjepr, angekommen. Gleich neben der schönen erhaltenen Synagoge. Unter den Bolschewiki wurde das Gebäude als Reitstall entweiht, heute ist es wieder ein aktives Gotteshaus.

30.04.19: Haben heute sechs Fahrstunden gut hinter uns gebracht. Viele Ortschaften haben sich hier in den letzten Jahrhunderten wohl kaum verändert.

05.05.19: Gestern war ich bei meinem „Patenkind“ Boris auf der Infektionsstation des Krankenhauses bei Bila Zerkwa. Boris hat Hepatitis C und liegt im Sterben. Erst beim Hinausgehen habe ich die Informationstafel über Tuberkulose gesehen. Da liegt er auf seinem primitiven Bett in einer nicht gerade sterilen Umgebung und saugt jeden Moment, jedes liebe Wort von uns auf. Zum ersten Mal hat er uns von seiner Mutter Raja Davydowna erzählt, die die Belagerung von Leningrad als Kind überlebt hat. Für uns hat er über seine drei Pullis extra noch sein fleckiges Jacket gezogen.

05.05.19: Wir hatten einen wirklich wundervollen Tag mit so kostbaren Begegnungen in Uman. Es macht mich glücklich zu sehen wenn die Liebe Gottes in einem Herzen ankommt und auf einem Gesicht sichtbar wird.

Persönlicher Austausch findet statt.

Alexei feiert bald seinen 80. Geburtstag.

Semjon hört einen Vers aus Jesaja 43.

08.05.19: Heute früh hat Boris sein schmutziges Krankenzimmer und seinen ausgemergelten Körper verlassen. Die letzten Monate hat er unsere Kontaktperson immer wieder gefragt, warum ihm jetzt jemand helfen möchte. Er kannte das nicht, sein ganzes Leben lang. Nun darf er zum ersten Mal in seinem Leben einem Vater begegnen, dem bestem von allen. Noch einmal lese ich die Losung mit neuen Augen: Du hast gesehen, wie dich der HERR, dein Gott, getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt.

13.05.19: Unser Michail Israilewitsch in Gaisin hat sich wieder unsäglich über unseren Besuch gefreut und sein Repertoire auf dem Akkordeon präsentiert. Die zwei Kiewer Torten, die wir ihm für sich und seine Nachbarn mitgebracht haben, kamen sehr passend: Er hatte am Folgetag Geburtstag.

16.05.19: Mein Lieblingszitat heute: „Wie kommt es, dass du so lieb zu mir bist? Ein Engel!“ Ich habe ihr ein paar Gründe gegeben, u.a. die Liebe, mit der ihr mich ausgesandt habt. Da ging ein Strahlen über ihr Gesicht. „So etwas gibt es? Gut. Dann will ich noch nicht sterben!“
Semjon, der innerhalb weniger Jahre drei erwachsene Kinder und seine Frau begraben hat, geht es besser. Sein einziger verbleibender Sohn hat wieder Arbeit gefunden. Ich darf ihnen aus Jesaja 43 einen Hoffnungsvers zusprechen.

19.05.19: Alexei hat bald seinen 80. Geburtstag. Er ist der erste Überlebende, der sich von uns in ein nettes koscheres Restaurant einladen ließ. Es war eine Freude ihm zuzusehen wie er alles probierte, langsam aß wie seine Mutter es ihm beigebracht hatte und das Essen genoss. Erdbeershake, Forshmak (ein jüdischer Fischsalat), Lachs. „Ich habe noch nie etwas so leckeres gegessen!“

„Du hast mich so ermutigt! Deine Worte haben mir Kraft gegeben.“

Es geht ein Jahrhundert zurück über eine uralte verrostete Eisentreppe nach oben. Polina zog vor 20 Jahren hierher, in die ehemalige Wohnung ihrer Eltern, als ihr Bruder vom Baugerüst gestoßen und damit ein Pflegefall wurde. Zum ersten Mal lernen wir auch ihn kennen. Glücklich inspiziert sie unsere Geschenktüte mit Birnensaft, einer Dose Fisch, Geflügel, gezuckerter Kondensmilch (ein Lieblingsartikel), frisches Obst und erzählt uns, dass sie einmal Modedesignerin war.
„Für mich?! Aber warum ausgerechnet für mich?“ fragt die erblindete Esther fassungslos, als wir ihr die handgestrickte Decke von Frau Huber überreichen. Überwältigend erleben wir diesmal, wie der Herr uns sehr präzise mit bestimmten „Sondergeschenken“ zu ganz bestimmten Menschen führt und damit die Kraft Seiner Liebe bei ihnen freisetzt.

25.05.2019: Mein Highlight in Odessa war sicher Svetlana. Ich hatte sie gebeten ob wir uns bei dem schönen Wetter im Hof treffen können. Jetzt kommen mir fast die Tränen wenn ich das schreibe. Ich traute meinen Augen kaum als Svetlana in den sonnigen Nachmittag trat. Sie hatte ihr schönstes Kleid angezogen, eine Perlenkette angelegt und sich schön frisiert. Ihre Freude war grenzenlos als wir mit ihr den Inhalt der Geschenktüte inspizierten und uns einfach für sie Zeit nahmen. Dann begann Svetlana für uns auf ukrainisch zu singen – von einem Mädchen, dass davon träumt schön zu sein und geliebt zu werden. Später am Abend rief sie mich noch einmal an um sich zu bedanken. „Du hast mich so ermutigt! Deine Worte haben mir Kraft gegeben. Es werden so wenige liebe Worte gesagt heutzutage. Und wenn einen ein Unglück trifft, machen die meisten Menschen einen Bogen um einen. Euer Besuch ist für mich ein Beweis für die Liebe Gottes! Ich werde heute Abend glücklich einschlafen.“

Fotos: Anemone Rüger

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