In den vergangenen Monaten durften wir zahlreichen Holocaust-Überlebenden bei persönlichen Begegnungen von Herzen Trost spenden und sie in ihrer finanziellen Not unterstützen. Im Folgenden finden sie ein paar Eindrücke von einer dieser wertvollen Begegnungen.

Anemone Rüger zu Besuch bei Semjon und Rima. Foto: A. Rüger

Semjon und Rima

Als Semjon und Rina die Tür öffnen, ist die Armut offensichtlich. Ihre Wohnung ist winzig und dunkel, die Einrichtung versetzt uns in die Ukraine zurück. Doch die Freude der beiden darüber, dass jemand sie besuchen kommt, ist überwältigend. Rima, die aus der Ukraine stammt, entschuldigt sich; ihr Mann sei schon etwas dement. Sie versuchen, so gut es geht, miteinander zurechtzukommen. Semjon ist im Schtetl Gomel in Weißrussland geboren. Am Ende des Krieges war sein Großvater der einzige noch lebende Mann in der Familie. „Vater ging an die Front und kam nie zurück. Auch seine beiden Brüder sind gefallen. Und die drei Brüder von Mama sind auch gefallen.“ Semjons Mutter floh mit den Kindern nach Tschuwaschien in Russland. Viele Verwandte seiner Mutter blieben in Gomel zurück, sie wurden alle ermordet. 

Semjon führt mich zur Küchentür, wo er eine große Bildertafel angebracht hat. „Das hier ist meine Familie. Mein Papa, meine Mama… hier, der ist gefallen, die wurden ermordet… das ist also mein Stammbaum.“

 „Wir haben so gehungert“, berichtet Semjon. „Ich erinnere mich, Opa hat dort in der Fremde am Waldrand Kühe geweidet. Ich bin oft die vier Kilometer zu ihm gelaufen, weil er mir manchmal etwas zu Essen zugesteckt hat.“ Das Haus seiner Kindheit wurde zerstört. „Nach dem Krieg mussten wir lange in einer Art Erdloch leben.“ Später wurde Semjon Automechaniker.

„Das hier ist meine Familie. Mein Papa, meine Mama… hier, der ist gefallen, die wurden ermordet… das ist also mein Stammbaum.“

Eines Tages traf er Rima bei der Arbeit, die beiden heirateten und lebten in der Ukraine. „Wir haben viel zu lange gewartet“, erklärt Rima. „Wir sind bei der Tschernobyl-Katastrophe auch verstrahlt worden. Viele unserer Freunde sind gestorben. Semjon ist schon mit Krebs hierhergekommen.“

Beide sind von Herzen dankbar für alle Unterstützung. Foto: A. Rüger

1990 konnten sie sich zur Alijah durchringen und bestiegen ein ElAl-Flugzeug zu einer Zeit, als es noch keine Direktflüge gab und die Auswanderung mit einer tagelangen Bahnreise nach Moskau und einem Anschlussflug in Budapest verbunden war.

Auch wenn es hier heiß ist und die beiden sich noch sehr gut an den Kulturschock nach ihrer Ankunft erinnern – sie werden medizinisch gut versorgt und sind von Herzen dankbar für alle staatliche und private Unterstützung. Wir sollen auf jeden Fall wiederkommen und das nächste Mal vorher Bescheid sagen, damit sie uns verköstigen können.