In den vergangenen Monaten durften wir zahlreichen Holocaust-Überlebenden bei persönlichen Begegnungen von Herzen Trost spenden und sie in ihrer finanziellen Not unterstützen. Im Folgenden finden sie ein paar Eindrücke von einer dieser wertvollen Begegnungen.

Lidia: 95 Jahre und kein bisschen alt

„Ich werde am 3. Juli 95 Jahre alt“, erklärt Lidia, die wir – mit einer Tüte frischem Obst in der Hand – in ihrer gepflegten Blockwohnung in Beit Schemesch besuchen. Ihr Gesicht leuchtet auf, als sie die Blumen sieht, die wir auf ihren Tisch stellen. An den Wänden hängen Gemälde ihrer Schwiegertochter – die beiden teilen sich die Wohnung aus Kostengründen.
„Mein Vater war ein russischer Patriot“, berichtet Lidia. „Mit 16 hat er das Alter in seinem Pass geändert, um am Ersten Weltkrieg teilnehmen zu können. Er gelangte in österreichische Gefangenschaft und schloss dort Freundschaft mit einem deutschen Generalssohn.“
Einen Krieg später gab es keine netten deutschen Generalssöhne mehr, und Lidia musste mit ihren Eltern unter Bombenhagel aus ihrer russischen Heimatstadt Rostow am Don fliehen. Als sie aus dem armenischen Jerewan zurückkehrten, war ihr Haus zerstört. Lidia wurde Lehrerin für Russisch und Literatur und gründete eine Familie. Als 1993 das Geschäft ihres Sohnes einging, bestiegen die beiden ein Einwandererschiff in ihre alt-neue Heimat: Israel. Viele Angehörige sind noch in Russland; Lidia zählt stolz Name, Alter und Beruf all ihrer Nichten, Neffen, Enkel und Urenkel auf.