Der größte Vorwurf gegen den ehemaligen Papst Pius XII. lautet, dass er zum Holocaust geschwiegen habe. Zur Klärung öffnet der Vatikan im März 2020 sein Geheimarchiv. Israelische Institutionen finden das hilfreich.

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin bei seinem Treffen am 15. November 2018 mit Papst Franziskus im Vatikan. Foto: GPO/Kobi Gideon

 

Papst Franziskus hat am 4. März 2019 angekündigt, dass das vatikanische Geheimarchiv ab dem 2. März 2020 die Akten des umstrittenen Papstes Pius XII. vollständig zugänglich macht. Dem damaligen Kirchenoberhaupt (1876-1958, Pontifikat 1939-1958) wird vor allem sein Schweigen zum Holocaust während des Zweiten Weltkrieges vorgeworfen. Israelische und jüdische Institutionen begrüßten den Schritt des Vatikan.

Papst Franziskus traf die Entscheidung in der „Gewissheit, dass die seriöse und objektive historische Forschung die glänzenden Momente dieses Papstes ebenso wie die Momente größter Schwierigkeiten, hart erkämpfter Entscheidungen und menschlicher wie christlicher Besonnenheit im rechten Licht und mit der angemessenen Kritik erscheinen lassen kann“. Den Vorwurf des Schweigens zum Holocaust kommentierte Franziskus: „Die Haltung des Pacelli-Papstes mag manch einem vielleicht als zu große Zurückhaltung erscheinen.“ Pius XII. heißt mit bürgerlichem Namen Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli.

Franziskus: Keine Angst vor der Geschichte

Aber die Kirche habe keine Angst vor der Geschichte, wird Franziskus weiter zitiert. Bislang gab es nur eine unvollständige, von der Forschung kritisierte Edition zu den Akten von Pius XII. Dieser wurde am 2. März 1939 zum Papst gewählt, sechs Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Er starb am 8. Oktober 1958 in der Sommerresidenz Castel Gandolfo bei Rom. Normalerweise wartet der Vatikan nach dem Tod 70 Jahre, bis er sein Archiv öffnet. Hier gab es aber öffentlichen Druck, die Dokumentation schneller offen zu legen, solange noch nicht alle Holocaust-Überlebende verstorben sind.

Historiker, jüdische Interessensgruppen sowie Schriftsteller wie zum Beispiel der Deutsche Rolf Hochhuth („Der Stellvertreter“) haben Pius wegen seines Schweigens zum Holocaust angeklagt. Die Katholische Kirche sei bei der Rettung der Juden vor dem Genozid, beispielsweise durch den Einsatz für Konvertierung zum Katholizismus, gescheitert. Der Vatikan verteidigte sich, dass er hinter den Kulissen Diplomatie benutzte, um Menschenleben zu retten. Der aktuelle Papst Franziskus vertritt auch diese Linie. Der Vatikan will demnächst darüber entscheiden, ob Pius heilig gesprochen wird.

Israel begrüßt Entscheidung

In Israel wurde die Ankündigung der Archivöffnung positiv aufgenommen. „Wir freuen uns über die Entscheidung und hoffen, dass sie freien Zugang zu allen relevanten Archiven bedeutet“, heißt es aus dem israelischen Außenministerium. Auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem begrüßte den Schritt: „Seit Jahren forderte Yad Vashem die Öffnung dieser Archive, die jetzt eine objektive und offene Recherche und einen umfassenden Diskurs zum Verhalten des Vatikan im Besonderen und der Katholischen Kirche im Allgemeinen während der Scho’ah ermöglichen wird.“

Der Vorsitzende der Jewish Agency, Jitzchak Herzog, lobte die Entscheidung als „mutigen und wichtigen Schritt“. Er erinnerte an seinen Großvater, den früheren Oberrabbiner Jitzchak Halevi Herzog, der Papst Pius während des Holocaust darum bat, ihm „sein Volk“ zu schicken. Er habe nie eine Antwort des Papstes erhalten. Auch der deutsche Zentralrat der Juden freute sich über die Entscheidung des Vatikan: „Es hat lange gedauert, ist aber ein erfreulicher Schritt.“ Mit der geplanten Archivöffnung setze Papst Franziskus ein positives Signal im jüdisch-christlichen Dialog, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster.

Wiesenthal-Zentrum: Offene Fragen klären

Der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem und Zuständige für osteuropäische Angelegenheiten, Efraim Zuroff, sprach in einem Kommentar in der Tageszeitung „Jerusalem Post“ offene Fragen hinsichtlich Papst Pius an. Wichtig sei es, durch die Quellen zu erfahren, wie viel der Papst damals vom Mord an den Juden in Europa wusste. Entscheidend bei dieser Frage seien die Korrespondenzen der Nuntien, der Botschaften des Vatikan in Europa und ihre Berichterstattung an den Papst.

Wichtig sei für Zuroff auch die Frage, zu welchem Zeitpunkt Pius diese Informationen erhielt. Habe es noch Zeit gegeben, das Schicksal der jüdischen Gemeinden zu beeinflussen oder waren sie bereits deportiert oder ermordet, will Zuroff wissen. „Wenn der Papst mit ausreichend Informationen über die Endlösung der Nazis informiert war, was hat er dann Positives getan, was bisher noch nicht bekannt ist?“, fragt er. Auch relevant sei die Frage, wie genau er Juden in seinem Einflussbereich half. Zuroff schätzt die Forschungszeit auf mehrere Jahre, bis wissenschaftliche Antworten auf diese Fragen gegeben werden können.  (Israelnetz)

 


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