Genia Abramovna Braslavskaja ist 92 Jahre alt. Sie wurde 1927 in einer jüdischen Familie im ukrainischen Jampol bei Winniza geboren. „Als der Krieg begann war ich 14 Jahre alt“, erzählt Genia, als wir sie in ihrer einfachen Wohnung in Uman besuchen. Zunächst ist sie zögerlich – an ihre Kindheit möchte sie sich lieber nicht erinnern. „Ich wohnte mit meinen Eltern im Dorf Petraschowka im Kreis Jampol im Bezirk Winniza. Meine Eltern waren Kolchosemitarbeiter. Dann wurde das Ghetto für die Juden errichtet, wir konnten ohne den aufgenähten gelben Stern das Haus nicht mehr verlassen.“ 

Unsere Helfer zu Besuch bei Genia. Foto: A. Rüger

Kriegsbeginn ist in der Ukraine im Juni 1941, als die Wehrmacht einmarschiert. Sofort wurden alle Männer wehrfähigen Alters, auch die jüdischen, zum Kriegsdienst eingezogen. Drei von Genias Brüdern sterben im Krieg. Eine Schwester konnte mit ihrer Familie in den Osten der Sowjetunion fliehen. Mit einer Schwester und ihrer Mutter Itta, kam Genia ins Ghetto Jampol.

Dort waren sie unter schlimmsten Bedingungen zusammengepfercht, erzählt Genia weiter. „Zwei Familien mussten sich ein kleines Zimmer teilen. Ernährt haben wir uns von dem, was uns mitleidige Menschen zukommen ließen – die Ukrainer, mit denen mein Vater vor dem Krieg zusammengearbeitet hatte.“ Die arbeitsfähigen älteren Kinder wurden zur Zwangsarbeit eingesetzt. „Wir wurden bei jedem Wetter zur Arbeit getrieben; wir mussten Eisenbahnschienen verlegen.

„Schau, Genia, wir haben dir ein Geschenk mitgebracht. Wir wollten dir eine Freude machen“, begrüßten wir sie. Genia strahlte und sagte: „Mein Geschenk ist, in eure lieben Gesichter zu schauen!“

Und wenn jemandem irgendetwas an unserer Arbeit nicht gefiel, wurden wir grausam geschlagen. Bis heute kann man die Narben der Schläge auf meinem Rücken sehen. Einmal brachen die ukrainischen Polizisten mit den Faschisten in unser Haus ein und suchten mich, aber Mama gab mein Versteck nicht preis“. Genias Mutter wurde daraufhin so brutal zusammengeschlagen, dass sie bald darauf an Nierenversagen starb.

Lebensmittelpakete werden an die Notleidenden in der Ukraine verteilt. Foto: A. Rüger

Nach dem Krieg beendete Genia ihre Schulbildung und studierte dann an der pädagogischen Fakultät. Sie arbeitete 50 Jahre als Erzieherin im Kindergarten. Jetzt lebt sie allein. Ihr Mann ist schon lange verstorben; ihre beiden Söhne leben weit weg. Genia hat Arthrose, Thrombose und Hautkrebs. Von ihrer Rente muss sie auch alle medizinischen Leistungen bezahlen, denn es gibt keine Krankenversicherung, und Medikamente gibt es fast nur als teure Importware.

Genia ist sehr dankbar für die Unterstützung. Foto: A. Rüger

Medikamente sind in der Ukraine sehr teuer. Foto: A. Rüger

Dass Genia seit geraumer Zeit Unterstützung innerhalb einer Projektpatenschaft erhält, bedeutet ihr unendlich viel. Vor wenigen Wochen konnten wir sie mit einem kleinen Team im Krankenhaus besuchen; sie erholte sich gerade von einer Hüft-Operation. „Schau, Genia, wir haben dir ein Geschenk mitgebracht. Wir wollten dir eine Freude machen“, begrüßten wir sie. Genia strahlte und sagte: „Mein Geschenk ist, in eure lieben Gesichter zu schauen!“

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