Wir haben eine Geschenktüte voller Lebensmittel dabei und wollen im Auftrag von „Christen an der Seite Israels“ wissen, wie wir den bedürftigsten Juden im ukrainischen Winniza helfen können. Die örtliche jüdische Wohlfahrtsorganisation „Chesed“ hat uns eine kleine Adressliste geschrieben.

Vitali hat die Familienfotos jahrelang nicht mehr angeschaut. Foto: A. Rüger

Wir treffen Vitali. Er ist allein, schon lange. Irgendwo weit weg lebt seine Frau, und auch seine zwei Töchter. „Kommen sie manchmal zu Besuch?“ Vitali winkt müde ab. „Sie haben keine Möglichkeit zu kommen.“

Vitali wurde 1938 in Birobidschan geboren. Vitalis jüdischer Vater, Nikolai, diente dort beim Militär. Nach einigen Jahren kehrte die Familie in die Ukraine zurück. Dann bricht im Sommer 1941 der Krieg mit Deutschland aus. Der Vater wird sofort an die Front geschickt, die Mutter flieht zusammen mit Vitali und seiner älteren Schwester, Maja nach Kasachstan.

Eines Tages Anfang 1944 hört sie, dass Nikolai mit seiner Einheit einige Tage in der Ukraine sein wird. „Sie hat uns beide geschnappt und ist mit uns in den nächsten Zug gestiegen. Könnt ihr euch das vorstellen, mitten im Krieg, mit zwei kleinen Kindern? Sie wollte ihn unbedingt sehen,“ erzählt Vitali.

„Bei Wopnjarka zogen plötzlich Kampfflugzeuge über uns auf. Der Zug bremste scharf, die Menschen sprangen heraus. Mutter nahm uns beide an die Hand und rannte mit uns los. Da schlugen schon die Bomben ein. Mutter wurde getroffen und war sofort tot. Meine Schwester wurde von zwölf Splittern getroffen. Sie lebte noch und wurde ins Krankenhaus gebracht. Aber einen Tag später starb sie an ihren Verletzungen. Und ich – ich hatte nichts. Mir war nichts passiert!“

Der sechsjährige Vitali, der plötzlich ganz allein ist, wird in dem Chaos von flüchtenden Passagieren aus dem Waggon nach Kischinjow in Moldawien mitgenommen. Es dauert noch Monate, bis Nikolai seinen traumatisierten Sohn in Kischinjow findet.

Einem Impuls folgend frage ich Vitali, ob er vielleicht ein altes Fotoalbum hat, mit Bildern von seinen Eltern. „Oh, da muss ich mal suchen gehen.“ Vitali erhebt sich schwerfällig und verschwindet in der hohen Tür. Nach einer Weile kommt er mit einer staubigen Plastiktüte zurück.

Vitalis Mutter. Foto: A. Rüger

Vitalis Vater. Foto: A. Rüger

Vitali als Jugendlicher. Foto: A. Rüger

„So, hier sind die beiden Alben.“ Zögernd schlägt Vitali die erste Seite auf. Sein Vater. Wie gut er ausschaut in seiner Uniform. Nikolai 1927, als junger Kerl. Vitali blättert wieder um. Die Mutter. Eine Schönheit, mit schulterlangen blonden Locken und einem strahlenden Lächeln. Vitali nimmt eine Lupe zur Hand, um sie genau zu sehen. Seine Züge werden weich, er ist weit weg. Minuten vergehen, eine halbe Stunde. Wir sehen nur den Glanz auf Vitalis Gesicht.

Vitalis Mutter und seine Schwester. Foto: A. Rüger

Auf einer Seite sind zwei ausgeschnittene Figuren eingeklebt – Vitalis Mutter und seine Schwester, Maja. Daneben eine getrocknete Blume. „Die hat mein Vater gepflückt auf dem Massengrab. Er ist einmal mit mir hingefahren an den Ort, wo sie begraben sind.“

Aus dem Album fällt ein Blatt. Es ist abgegriffen, ganz vergilbt. Aber die Schrift ist noch gut zu lesen. Es ist ein Gedicht, das Nikolai von der Front an seine Frau geschrieben hat:

„Du bittest, Dir oft und ausführlich zu schreiben, doch selten und kurz sind die Briefe von mir. Zu dir ist mein Weg alles and’re als einfach, und vieles zu schreiben verbietet die Schlacht.

Die Feinde sind nahe, und in meiner Tasche sind dutzende Briefe, die ich schon begann. Verzag‘ nicht! Ich finde ein einsames Stündchen und fass‘ mich und schreibe sie alle zu End‘.

Anstatt eines Briefs schreib‘ ich dir dieses Liedlein. Was darin nicht steht, dichte du dir dazu. Und wenn du des Morgens es dann vor dich hinsummst, So wisse: Ich lebe, bin gesund und bin dein.

Glaub mir, meine Liebe, ich schreibe Dir sicher die längsten und schönsten Briefe im Traum. Und augenblicklich, so will es mir scheinen, fliegt schon wie ein Vöglein deine Antwort zu mir.

Der Feind ist nicht weit, wir schlafen nur wenig. Früh weckt uns die Arbeit im Kampfbataillon. Der Weg meiner Briefe zu dir ist beschwerlich. Verlier‘ die Geduld nicht – sie erreichen dich schon.

Anstatt eines Briefs schreib‘ ich dir dieses Liedlein. Was darin nicht steht, dichte du dir dazu. Und wenn du des Morgens es dann vor dich hinsummst, so wisse: Ich lebe, bin gesund und bin dein.“

Nikolais Gedicht an seine Frau. Foto: A. Rüger

Eine Weile ist es ganz still im Raum. Die Dämmerung ist schon hereingebrochen. „Vitali“, sage ich schließlich und lege ihm einen Arm um die Schultern, „ich bete, dass Gott Sie tröstet und Ihr Herz heilt! Vielleicht konnten wir Ihnen heute ein kleines Stück von diesem Trost bringen. Es gibt Menschen, die Sie lieben und für Sie beten!“ „Danke“, sagt Vitali langsam, mit rauer Stimme. „Das ist mein schönstes Geschenk!“