Nach sieben Jahrzehnten Atheismus treffen sich in der Synagoge von Krementschug die Männer wieder regelmäßig zum Gebet – unter der Leitung von Rabbi Salamon aus Israel, dessen Großeltern jeweils als einzige der Familie Auschwitz überlebt haben und der der jüdischen Gemeinde mit seiner Familie hingegeben dient. Eine Familie, bei der das Gebet nie abgerissen ist, ist die von Riwa Feldman. Sie und ihr Mann, Jakow, empfangen uns mit offenen Armen, als wir sie in ihrer Wohnung in Krementschug besuchen. „Ich hatte einen Bruder im Alter von Jakow; so haben wir uns kennengelernt“, erklärt Riwa mit einem verschmitzen Lächeln. „Vor dem Krieg war Krementschug überwiegend jüdisch. Sogar unsere nichtjüdischen Nachbarn verstanden jiddisch. Mein Opa, Papas Vater, war der Schoicher von Krementschug gewesen (Fleischer nach jüdisch-religiösen Vorschriften).“

Als mit dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion auch in der Ukraine der Krieg begann, wurde damit ein unübersehbarer Strom nach Osten ausgelöst – von Menschen, Rüstungs- und Versorgungsgütern. Das Getreide musste eilig nach Osten gebracht werden, und auch Riwa floh mit ihren Eltern, zwei Brüdern, der Oma mütterlicherseits und den Großeltern väterlicherseits. Einen Monat lang waren sie unterwegs, bis sie tief in Russland in Tombow ankamen. Von dort aus wurde dann Riwas Vater zur Roten Armee eingezogen und an die Front geschickt. „Opa wollte unbedingt eine Synagoge finden. Er lief 40 Kilometer. Aber er kam nie zurück. Mama hat dort in der Schnapsfabrik gearbeitet; sie musste nehmen, was es gab an Arbeit. Einen Teil ihres Lohnes bekamen die Arbeiter in Wodka ausgezahlt. Sie haben alles verkauft, was sie konnten, um etwas zu essen zu bekommen.“

Anfang 1944, als sich die deutschen Truppen aus der Ukraine zurückgezogen hatten, ging Riwas Familie in ihre Heimatstadt zurück. Doch viel war davon nicht übrig. Die Stadt war zu 95 Prozent zerstört. Die verbliebenen 8.000 Krementschuger Juden, die nicht hatten fliehen können, waren von den Nazis noch vor Weihnachten 1941 ermordet worden. „Die Häuser waren alle kaputt“, erinnert sich Riwa. „Mama war barfuß. Oma hatte keine Zähne mehr. Vier Brüder von Mama waren gefallen.“ Riwas Vater war an Tuberkulose erkrankt und daraufhin von der Front zurückgezogen und zur Arbeitsarmee abkommandiert worden. „1948 fiel er unter die Stalinschen Repressionen“, so Riwa. „Er wurde denunziert und kam in den Gulag. Er wusste, das von dort kaum jemand je zurückkehrte. Dort gab er Gott einen Schwur:

„Wenn ich hier jemals wieder rauskomme, werde ich dir dienen.‘“

1953, nach Stalins Tod, kam er tatsächlich frei. Seine Familie erkannte ihn kaum wieder – mit langem Bart und völlig verwahrlost. Doch sein Versprechen hielt er ein. „Von da an traf er sich heimlich jede Woche mit anderen jüdischen Männern zum Gebet. Jeden Freitagabend und jeden Schabbat haben sie sich bei den Zippersteins getroffen.“ Der selbstgestrickte Schal von Frau Huber aus Augsburg bringt ein Lächeln auf Riwas Gesicht.
„Kommt wieder und besucht uns! Wir haben immer ein Zimmer für euch frei!“

Anemone Rüger